Autorengruppen und wie man damit umgeht

Aus: James N. Frey, Wie man einen verdammt guten Roman schreibt, Hermann-Josef Emons Verlag 1993, ISBN 3-924491-32-1, Seiten 179 ff


Autorengruppen werden Sie überall finden. Autoren suchen immer die Gesellschaft anderer Autoren. Das gehört zu ihrem Naturell.Es gibt im wesentlichen drei Arten von Autorengruppen: enthusiastische, literarische und destruktive.

 

Bei einer enthusiastischen Gruppe macht es Spaß dazuzugehören. Jedesmal, wenn jemand eine Arbeit vorliest, hört sich die Kritik ungefähr so an: „Das Bild von der Blume, die durch den Swimmingpool hindurch wächst, fand ich einfach genial. Ich habe alle deine Figuren mehr geliebt als meine eigene Mutter. Ach ja, und die grüne Schildkröte auf der Krawatte war eine wunderbare Grundmetapher.“

   Bei dieser Art Gruppe gibt es oft Kaffee und Kuchen und man trifft sich hin und wieder zu einem Fondue. Nachdem Ihre Arbeit vorgelesen und besprochen wurde, werden Sie mit dem Gefühl nach Hause gehen, Sie seien reif für den Nobelpreis. Es ist einfach wunderbar. Leider hat diese Art von Gruppe mehr Autoren ruiniert als der McCarthy-Ausschuss. Bleiben Sie zum Kuchen, bringen Sie Mixed Pickles zum Fondue mit, doch lassen Sie diese Leute Ihre Arbeit nicht lesen, auch wenn Sie dafür bezahlen. Schmeicheleien nützen Ihnen überhaupt nichts. Es zerstört lediglich Ihre Motivation, wenn man Ihnen einredet, Ihr höchst dürftiger, von Fehlern wimmelnder erster Entwurf sei bereits ein vollendetes Meisterwerk.

 

Eine literarische Gruppe ist schnell ermittelt. Fragen Sie den Leiter, ob er Joyce‘ Finnegan‘s Wake mag. Wenn er mehr als die ersten drei Absätze gelesen hat, dann wissen Sie, Sie sind in einer literarischen Gruppe. Diese Art Gruppe wird Ihre Arbeit lesen und sie mit den Werken der Weltliteratur vergleichen. Man wird Dinge sagen wie: „Oh, Sie sollten Smirnoffs Bekenntnisse einer Verrückten lesen.“ Sie werden dort mehr über Existenzialismus, die Imagisten und Freudsche Symbole erfahren, als Sie jemals für möglich gehalten hätten. Literarische Gruppen tischen Brie und Weißwein (den aus Flaschen mit Korken, nie aus Flaschen mit Schraubverschluss) auf. Käse und Wein sind oft sehr gut. Die Kritik ist durch die Bank sehr schlecht. Es wird Ihnen kein bisschen weiterhelfen zu wissen, dass Sie wie Betty McFauncy schreiben. Die Art von Schriftstellern, die Sie hier treffen, wird „experimentelle“ Prosa schreiben. Warum sie experimentieren und um was es genau bei diesem Experiment geht, werden die meisten von ihnen nicht wissen.

 

Die destruktiven Gruppen sind die einzigen, die wirklich etwas bringen. Wenn Sie zum ersten Mal zu einer destruktiven Gruppe gehen, werden Sie glauben, Sie seien bei einer neuen Art von Psychotherapie gelandet, bei der es darum geht, das Selbstbewusstsein des Autors zu zerstören. Sie werden Dinge hören wie: „Nun mach schon, möbel sie auf, deine Figuren benehmen sich wie ein Haufen von Schlappschwänzen. Diese Typen sollen Marines sein, keine Friseure!“ Das ist destruktive Kritik, so wie sie sein sollte. In manchen Workshops sind Angriffe auf die Person des Autors erlaubt. Dort werden Sie Dinge hören wie: „Du schreibst so einen lahmen Scheiß, weil du nur eine Hausfrau bist. Sieh dich erst mal in der Welt um!“ Oder: „Das liest sich, als ob es von einem Republikaner geschrieben wäre“, usw. Die meisten destruktiven Literaturgruppen beschränken Ihre Kritik jedoch auf den Text. Sie haben viel Spaß daran, Ihre kostbare Prosa durch den Wolf zu drehen. Das ist gut so. Das ist hart einzustecken, doch Stahl macht man nicht in einer warmen Badewanne, man macht ihn im Hochofen (Anmerkung: Deshalb heißt die Prosaschmiede Prosaschmiede).

Okay, erst werden Sie sauer sein. Vielleicht sind Sie traurig. Oder betrinken sich. Schlagen mit dem Kopf gegen die Wand. Doch wenn Sie vernünftig sind, werden Sie sich schließlich hinsetzen, die Kritikpunkte ordnen und sich anfangen zu fragen, was die anderen sehen und Sie nicht.

   Sie müssen jedoch vorsichtig sein. Kritiker versuchen häufig, einen Autor dazu zu bringen, das Buch zu schreiben, das sie selbst gern schreiben würden. Seien Sie sicher, dass das, was Sie überarbeiten, Ihr Buch ist und nicht das eines anderen. Stellen Sie sich die Frage, wie Sie es umschreiben können, indem Sie auf Ihre Kritiker eingehen, ohne Ihre Prämisse zu ändern. Wenn Sie eine Liebestragödie schreiben, lassen Sie sich von Ihren Kritikern nicht zu einem Happy End überreden. Vergewissern Sie sich, dass ein Konsens innerhalb der Gruppe besteht. Lassen Sie sich nicht von ein oder zwei wortgewaltigen Mitgliedern einreden, Sie müssten umschreiben, obwohl Sie es nicht für nötig halten. Fragen Sie die anderen nach ihrer Meinung. Wenn die meisten Ihrer Kritiker einer Meinung sind, dann müssen Sie wahrscheinlich umschreiben.

   Dann warten Sie ein paar Tage, denken über die Kritik nach und überlegen sich, wie Sie beim Umschreiben vorgehen könnten. Sprechen Sie mit Ihren Kritikern darüber. Dann machen Sie sich an die Arbeit. Ändern Sie erbarmungslos, was geändert werden muss, doch ändern Sie kein Wort, wenn Sie nicht fest davon überzeugt sind, dass Sie damit das Manuskript verbessern.


Anrufen

E-Mail