Schreibübungen

Geschichten brauchen ein paar Dinge, damit sie zu Geschichten werden. Da ist zunächst das Geschehen. Wenn es das nicht gäbe, hätten wir keine Geschichte. Doch es ist langweilig zu sagen:

Es regnete so lange, bis der Fluss die Stadt überschwemmte.


Das ist ein Geschehen, aber noch keine Geschichte. Also gilt:

 

Eine Geschichte braucht Spannung:
Es regnete seit Tagen. Jeder in der Stadt beobachtete besorgt die Dämme am Fluss. Am fünften Tag brachen sie.


Hier sind Menschen beteiligt. Spannung entsteht, indem wir Leser mit den Menschen in der Geschichte mitfiebern, am besten mit bestimmten Menschen, die wir kennen lernen. Also gilt,

 

Eine Geschichte braucht Personen:
Es regnete seit Tagen. Lena beschwor Richard, den Fernseher und die Stereoanlage in den ersten Stock zu schaffen. Richard tat, was sie wollte. Als am fünften Tag die Dämme am Fluss brachen, waren beide froh.


Langweilig! Die Spannung ist weg, weil Richard das tut, was Lena will. Besser ist es wenn beide sich streiten. Also gilt:

 

Eine Geschichte braucht Konflikt:
Es regnete seit Tagen. Lena beschwor Richard, den Fernseher und die Stereoanlage in den ersten Stock zu schaffen, aber Richard lachte sie nur aus. Als am fünften Tag die Dämme am Fluss brachen, lachte er nicht mehr.


Jetzt haben wir schon eine Geschichte, aber sie ist noch kurz und unvollkommen. Wir kennen Lena und Richard noch nicht richtig. Menschen zeigen ihre Persönlichkeit, indem sie sprechen und handeln. Also gilt:

 

Eine Geschichte braucht Dialoge:
Lena blickte in den Regen hinaus. „Vier Tage! Hört es denn überhaupt nicht mehr auf?“ Sie wandte sich zu Richard um. „Wenn es so weiter schüttet“, sagte sie, „werden die Dämme am Fluss brechen.“ Richard saß auf dem Sofa und reagierte nicht. Im Fernsehen stürmte der Libero gerade auf das Tor zu. Lena setzte sich neben ihn. „Komm Schatz, lass und beizeiten den Fernseher und die Stereoanlage nach oben schaffen. Bitte.“ „Jetzt nicht.“ Richard drehte den Ton lauter.“ „Herrgott, ich habe damals erlebt, wie schnell das Wasser kommt.“ Lena holte tief Luft. Streiten würde ihn nur bockig machen. Sacht legte sie die Hand auf Richards Arm. „Bitte, Schatz“, sagte sie mit ihrer liebevollsten Stimme. Richard schüttelte ihre Hand ab. „Oh Mann, kannst du einen nicht in Ruhe lassen? Deine Überschwemmung ist schon ewig lange her. Heute wissen sie schon, was zu tun ist.“ „Das hat Vater damals auch gesagt.“ Richard legte den Arm um Lenas Schulter. „Himmel, du bist so ein ängstliches Kätzchen, Kleines.“ Er gab ihr einen Schmatz auf die Wange. „Pass auf, ich verspreche dir jetzt, dass absolut nichts passieren wird. In Ordnung?“ Er rückte ein Stück von ihr ab. „Und jetzt sei bitte still. Wenn die jetzt nicht bald ein Tor schießen …“ Am nächsten Tag wollte Richard zur Küche hinunter gehen. Auf der sechsten Stufe gluckerte die braune Brühe. Es dauerte lange, bis er wieder ein Fußballspiel sehen konnte.


Im Dialog und in der Art, wie Lena und Richard miteinander umgehen, lernen wir sie kennen. Wir erfahren, dass Lena vermeidet, Richard zu verärgern und Richard sie nicht ernst nimmt. Das sagt etwas über ihre Beziehung, aber auch etwas über ihr Selbstverständnis aus. Sie werden zu lebendigen Menschen. Die Spannung in dieser Szene liegt nicht mehr in der Ungewissheit, ob die Überschwemmung zuschlägt, sondern im Entdecken von zwei uns unbekannten Menschen.

 

Auf der linken Seite finden Sie ein paar Übungen, wie wir sie in der Prosaschmiede durchführen (Falls Sie die Anrede stört: Das „Du“ ist bei uns üblich. Die Übungen wurden aus unserem Programm zusammengestellt). Bitte schicken Sie uns keine Texte zur Beurteilung. Die Übungen dienen dazu, Ihren Blick für das Geschriebene zu schärfen. Es gibt kein „Richtig“ oder „Falsch“. Es gibt nur ein „Gut“ und ein „Weniger gut“. Am besten legen Sie Ihren Text für ein oder zwei Tage zur Seite und lesen ihn sich laut vor (wichtig), nachdem Sie ein wenig Abstand gewonnen haben. Manches wird Ihnen beim lauten Lesen auffallen, anderes beim Durchlesen der Hinweise in den Übungen. Das ist gut so. Sie lernen das Schreiben sowieso nicht, indem wir Ihnen sagen, wie es geht, sondern nur durch

schreiben, schreiben, schreiben!


Anrufen

E-Mail