Fröhliche Weihnachten, Sonja

von Susanne Lange

Sonja ließ zum x-ten Male ihren Blick durch den Raum schweifen. Der Christbaum war mit bunten Kugeln, viel Lametta und einer Lichterkette geschmückt. Den Esstisch hatte sie mit ihrem Hochzeitsservice, einem Geschenk ihrer Schwiegermutter, gedeckt. Servietten, Kerzen und Blumen waren aufeinander abgestimmt. Die Wohnung war tip-top, sauber und aufgeräumt. Tagelang hatte sie geputzt und gescheuert.

   Ihrem Mann Kai hatte sie die Kleidung rausgelegt. Schließlich wollte seine Mutter ihre „geschmackvollen" Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke am lebenden Objekt bestaunen. Mit ihren beiden Söhnen war sie genauso verfahren. Paul und Oscar trugen die Sachen, die sich sonst das ganze Jahr über in der hintersten Ecke des Kleiderschrankes ausruhten.

   Nun konnte nichts mehr schief gehen. Jetzt konnte die Schwiegermutter kommen ...

   Genau in dem Moment, als es klingelte, war aus der Küche Poltern, Krachen und gleich darauf ohrenbetäubendes Geschrei zu hören. Die Stimmen von Paul und Oscar überschlugen sich. „Du Blödmann, Doofbacke, Arschgesicht ...!"

   Die Küchentür wurde aufgerissen und was Sonja dann sah, ließ sie fast in Ohnmacht fallen. Die Küche, die eben noch super sauber gewesen war, glich einem Schlachtfeld. Eine Tüte Milch war umgestoßen, die Flüssigkeit tropfte auf den Fußboden. Die Dose Kakao zierte denselben. Weihnachtsplätzchen hatten sich zu Kakao und Milch auf die Fliesen gesellt. Und ihre Söhne? Waren das überhaupt ihre Kinder? Die ehemals weißen Hemden waren als solche nur noch schwer zu erkennen. Die sonst so niedlichen Gesichter ihrer Kinder sahen aus als ob Sonja mit einem Farbigen fremdgegangen wäre ...

   Es klingelte wieder, diesmal Sturm. Die schrille Stimme ihrer Schwiegermutter schallte durch den Heiligen Abend: „Macht mir denn keiner auf? Bin ich hier etwa nicht willkommen???"

   Panisch knallte Sonja die Küchentür zu. Ihre Söhne zerrte sie Richtung Badezimmer.

   „Macht euch sauber, aber dalli", herrschte sie die beiden an. Mein Gott, wo war denn Kai bloß? Wessen Mutter stand denn hier vor der Tür?!

   Sonja atmete tief durch. Im Vorbeigehen warf sie einen schnellen Blick in den Spiegel: Sie hatte ihre beste Hose und die neue, zugegebenermaßen sündhaft teure Bluse angezogen. Das Make-up war dezent und die Frisur mit der frischen Tönung perfekt.

   Sie zauberte ein charmantes Lächeln auf ihre Lippen und öffnete die Tür. Besser gesagt, sie wollte sie öffnen. Sonja zerrte hektisch am Türgriff. Wer hatte hier abgeschlossen? Wo war der Haustürschlüssel? Das Zetern draußen wurde immer schriller:

   „Kai, mein junge. Mach du doch wenigstens deiner Mama auf. Mir ist kalt."

   „Was ist denn hier los? Warum lässt du Mama nicht herein?" Kai kam langsam die Treppe herunter. Das Geschrei im Badezimmer übertönte das Gezeter von draußen.

   „Ganz ruhig, Mädchen", sagte Sonja zu sich selbst. Gezielt tastete sie ihren Mann ab. Es klapperte in seiner Hosentasche und eine Sekunde später hatte sie den Haustürschlüssel im Schloss und erlöste ihre Schwiegermutter.

   Sie schoss herein wie eine Kanonenkugel. „Das machst du nicht noch mal mit mir! Da kann ich auch gleich wieder nach Hause gehen. Der Abend fängt ja gut an. Heißt es nicht: Weihnachten ist das Fest der Liebe? Kai-Uwe, warum lässt du zu, dass sie so mit deiner Mutter umgeht?!"

   „Hallo Mama. Schön, dass du da bist", murmelte Kai. Sonja schluckte dreimal trocken, dann umarmte sie Elsbeth, hauchte zwei Küsschen links und rechts neben ihr in die Luft und nuschelte:" Herzlich willkommen."

   „Den Empfang habe ich mir netter vorgestellt", konterte Elsbeth. „Wo sind denn meine beiden Süßen? Sind sie es etwa, die da so schreien? Sie hat die Kinder kein bisschen im Griff, Kai-Uwe."

   „Hilf deiner Mutter bitte aus dem Mantel und führe sie in die gute Stube", wandte sich Sonja an ihren Mann. Dann eilte sie dem Geschrei nach. Kurz vor der Badezimmertür stoppte sie. Das Brüllen war etwas weniger bedrohlich geworden. „Ich komme gleich. Wascht euch, zieht euch um und das Ganze zack-zack ... und benehmt euch dabei. Denkt daran: Gleich kommt der Weihnachtsmann"!

   Sonja wollte schnelle noch mal nachsehen, ob das Chaos von Paul und Oscar in der Küche dem Abendessen geschadet hatte. Aber was sollte hier auch schief gehen? Die Vor-Suppe, aus den teuersten Konserven, die sie im Supermarkt bekommen konnte, stand auf dem Herd bereit. Der Gänsebraten, den ihr ihre beste Freundin heute Morgen zubereitet hatte, brutzelte im Backofen. Kartoffelklöße und Rotkohl waren vorbereitet. Das immerhin selbst gemachte Dessert musste sie nur noch rechtzeitig aus dem Gefrierschrank holen. Das Sahneschlagen dürfte sicher kein Problem darstellen.

   Gottlob war alles mit dem Menü in Ordnung. Als sie zur Tür eilte, streifte ihr Blick die Flasche Wodka, die sie in Ermangelung von Cognac zum Dessert gebraucht hatte. Sie trank sonst nie Alkohol, aber jetzt konnte ein kleiner Schluck zur Beruhigung der Neven nicht schaden. Wodka gab auch keine Fahne. „Frohes Fest, Sonja!", prostete sie sic h selber zu und setzte die Flasche an. Ein Glas wäre nur verräterisch gewesen. Das tat gut. So gut, dass ein zweiter großer Schluck die logische Folge war.

   Deutlich ruhiger ging sie zu ihren Kindern, um ihnen zu helfen. Was sieempfing, war ein handfester Krach zwischen ihren Jungen. „Nein, nein , nein!" hörte sie Paul schreien. „Ich küsse Omma nicht. Die Küsse schmecken mir nicht. Die sind so nass."

   Sein großer Bruder boxte ihn. „Du musst aber, sonst gibt's Mecker."

Sonja nahm Paul in den Arm. „Bitte, tu es für mich. Ich lege auch ein gutes Wort für dich beim Weihnachtsmann ein." Den Gedanken, dass jetzt jeder Kinderpsychologe die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, verscheuchte sie schnell. Hier ging es um den Weihnachtsfrieden. Egal wie.

   Sonja eilte mit Paul und Oscar Richtung Wohnzimmer. Kurz vor der Tür forderte sie ihre Söhne auf: „Geht doch bitte schon mal rein und begrüßt Oma. Ich komme gleich nach." Der Wodka hatte ihr eben so gut getan. Sie würde sich schnell noch ein Schlückchen davon gönnen. „Fröhliche Weihnachten, Sonja." Sie hatte gar nicht gewusst, dass Alkohol so eine wohltuende Wirkung haben konnte ...

   Beschwingt ging Sonja zu den anderen. Das Lächeln gefror ihr auf den Lippen, als sie Elsbeths letzten Satz aufschnappte. Kai-Uwe, sie ist mit den Kindern vollkommen überfordert. Die beiden hören ja überhaupt nicht. Und wie sie angezogen sind. Die Hemden hängen schon wieder über den Hosen. Ich hatte doch so schöne Sachen gekauft, damit sie mal etwas Ordentliches haben."

   „Das sind unsere Kinder", entfuhr es Sonja. Verdammt, sie hatte sich doch zusammenreißen wollen. Aber es war schon zu spät.

   „Kai-Uwe!" Elsbeths Stimme war schrill. Sie greift mich schon wieder an. Hier darf man gar nichts sagen. Es sind doch auch meine Enkel. Ich wäre froh gewesen, wenn ich eine Schwiegermutter gehabt hätte, die mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden hätte."

   „Sonja, sei nicht so bockig. Mama meint es doch nur gut. Wie wäre es jetzt mit Abendessen?", versuchte Kai ungeschickt zu vermitteln.

   „Eigentlich habe ich schon keinen Appetit mehr bei der Aufregung hier. Aber eine Kleinigkeit muss ich schon essen", seufzte Elsbeth.

   „Öfter mal das Abendessen ausfallen zu lassen, könnte dir auch nicht schaden", murmelte Sonja leise, sehr leise, vor sich hin und verschwand Richtung Küche.

   Hier fühlte sie sich wohl. Hier war sie sicher. Vielleicht erst noch ein kleines Schlückchen ...? „Auf dich Sonja, fröhliche Weihnachten." Aah, tat das gut. Deutlich besser gelaunt füllte Sonja die Suppe in die Terrine und trug auf.

   „Bitte zu Tisch", rief sie fröhlich ihrer Familie zu. Alle setzten sich an den großen, liebevoll gedeckten Esstisch.

   „Das ist aber ein hübsches Geschirr", gurrte Elsbeth.

   „Wäre es nicht euer Hochzeitsgeschenk gewesen, wäre es schon längst auf irgendeinem Polterabend gelandet", dachte Sonja. Ihr Blick glitt über den Tisch. Hatte doch die blöde Kuh schon wieder die halbe Deko entfernt!

   Als ob Elsbeth ihre Gedanken erraten hätte, sagte sie: „Der Schnickschnack stört nur beim Essen."

   Sonjas Hand zitterte, als sie die Suppe auf die Teller füllte. Elsbeth führte den Löffel zum Mund und schmatzte übertrieben. „Schmeckt irgendwie nach Konserve. Ihr jungen Frauen könnt doch gar keine richtige suppe mehr kochen."

   Ich lasse mich nicht provozieren. Ich lasse mich nicht provozieren. Sonja kämpfte mit ihrer Selbstbeherrschung.

   In dem Moment fiel Paul der Löffel aus der Hand und klatsche in den Teller. Elsbeth bekam ein paar Spritzer ab. „Oh, diese Kinder! Noch nicht einmal Tischmanieren wurden Ihnen beigebracht."

   „Ich habe sauber gegessen", verteidigte sich Oscar sogleich lautstark und sabberte dabei auf sein frisches Hemd.

   Sonja murmelte etwa von Braten und floh in die Küche. Dort griff sie sofort zur Wodkaflasche. „Fröhliche Weihnachte, Sonja." Komisch, wie gut das Zeug half.

   Nun wesentlich ruhiger nahm sie den Gänsebraten aus dem Backofen. Als sie die Klöße in die Schüssel tun wollte, zerfielen sie dort sofort. Konnte ja jedem mal passieren. Wenn doch alles andere schmeckte ...

   Sie wollte noch schnell die Sahne schlagen. Dass man so schnell Butter produzieren konnte, hatte sie gar nicht gewusst. Egal, Elsbeth war sowieso fett genug. Darauf trinken wir noch einen „Fröhliche Weihnachten, Sonja."

   Sie trug die Speisen ins Wohnzimmer hinüber und arrangierte sie dort auf dem Tisch. Paul und Oscar rannten um den Christbaum herum. Doch gut, dass sie Elsbeths ausdrücklichem Wunsch nach einer elektrischen Lichterkette statt echten Kerzen nachgekommen war. Manchmal haben sogar Schwiegermütter Recht.

   „Spielt Onkel Manfred wieder den Weihnachtsmann? Wann kommt er?", flüsterte Elsbeth ihrer Schwiegertochter ins Ohr.

   „Nnnein", stotterte Sonja. „Diesmal haben wir einen vom Studentendiensten engagiert. Onkel Manfred haben Paul und Oscar im letzten Jahr doch fast an seiner großen Nase erkannt. Der junge Mann kommt in einer halben Stunde."

   Elsbeth schniefte: Wenn das man gut geht. Und was das wieder kostet ..." sie rümpfte die Nase. „Lasst uns erst mal essen, obwohl ich die fette Gans am Abend bestimmt nicht vertrage. Das habe ich dir aber gesagt, Sonja."

   Alle setzten sich zu Tisch, nur Sonja floh unter einem Vorwand noch mal schnell in die Küche, um mit sich selbst anzustoßen. „Fröhliche Weihnachten, Sonja."

   Auf dem Weg zum Wohnzimmer stolperte sie über den Läufer im Flur. Hoppla!

   An der Tür konnte sie die liebreizende Stimme ihrer Schwiegermutter schon wieder hören. „Kai-Uwe, warum schneidest du denn so lange an der Gans herum? Ist die wirklich so zäh? Gib mir trotzdem ein Stück. Guck mal, die Klöße sehen aus wie Kartoffelbrei. Hoffentlich ist der Rotkohl gut. Die Zubereitung liegt ja nicht jedem."

   Sonja wunderte sich über sich selbst, aber sie fand das alles gar nicht mehr so schlimm. Eigentlich sogar lustig ...

   Kai rutschte an Sonja heran und flüsterte ihr ins Ohr: „Mach dir nichts draus, Schatz. Das kann jedem mal passieren. Aber was es da so zu kichern gibt, weiß ich wirklich nicht."

   „Na, schon wieder ne neue Bluse?", fühlte sich Sonja von ihrer Schwiegermutter angesprochen. „Irgendjemand muss ja Kai-Uwes sauer verdientes Geld unter die Leute bringen, wie? Solltest dir mal lieber ordentliche Röcke kaufen. Ihr jungen Frauen immer mit diesen Hosen. Wie oft gehst du eigentlich zum Friseur? Ist das nicht sehr teuer hier in der Stadt? Schminkt sie sich eigentlich jeden Tag, Kai-Uwe? Woo bleibt denn euer Student?"

   Sonja zog es schon wieder Richtung Küche. Ein winziges Schlückchen konnte ihr keiner verwehren bei dem Drachenalarm im Wohnzimmer. „Fröhliche Weihnachten, Sonja." Als sie Kais Schritte hörte, konnte sie die Flasche gerade nocht rechtzeitig in einer Nische verschwinden lassen.

   „Schatz, soll ich das Dessert gleich mit hinausnehmen?" fragte Kai hinter ihr.

   Das Dessert ... oh Schreck. Der Nachtisch fror noch in der Truhe. „Essen wir eben was anderes", sagte Sonja munter. Sie spürte Kais bohrenden Blick.

   „Was ist los mit dir, Schatz? Warum sprichst du so undeutlich? Übrigens streiten Paul und Oscar schon wieder. Wann kommt denn endlich der Weihnachtsmann?"

   Sonja hielt Kais Blick stand. „Woher soll ich das wissen? Du hast doch die Agentur angerufen." Sie versuchte gar nicht erst, das aufsteigende Kichern zu unterdrücken.

   Aber um solche Sachen kümmerst du dich doch immer", entgegnete Kai hilflos. „Reiß dich zusammen, Schatz. Mama ist schon genug verärgert! Den Rest des Abends schaffen wir schon gemeinsam." Er drückte ihr einen Kuss auf den Mund und eilte ins Wohnzimmer zu seiner Mutter.

   Automatisch griff Sonja in die Nische und zog ihren neuen Weihnachtsfreund hervor. Sie setzte die Flasche an.

   „Fröhliche Weihnachten, Sonja", war alles woran sie sich am nächsten Morgen erinnern konnte.

 © Susanne Lange 


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