Rede doch, so viel du kannst

von Milou Weske

Anna knallte die Hintertür des Restaurants „Am Walde“, in dem sie als Köchin arbeitete, hinter sich zu, während sie ihren Regenschirm ausschüttelte. „Entschuldige, dass ich zu spät bin.“ Sie zog die nasse Jacke aus und griff eine Schürze. „Ich komme gerade von der Polizei.“

Lena, die mit einem Stapel Teller in den Speisesaal gehen wollte, hielt inne. „Was ist passiert?“

Anna holte die Zwiebeln aus der Vorratskammer. „Ein Fiesling hat mich abgezockt, am Telefon. Ich habe Anzeige erstattet.“

„Wie? Abgezockt? Am Telefon?“, fragte Lena.

Anna häutete die Zwiebeln, als wollte sie ein Bleichgesicht skalpieren. „Er sagte, er ist von der Polizei, ich dachte, dass was mit Ben passiert ist, aber er sagte, er wolle mich aufklären über Datenmissbrauch!“ Sie presste die Zwiebel auf die Arbeitsplatte und griff nach einem Messer. „Ich war durcheinander, und der Scheißkerl hatte eine so tolle Stimme, wie Bryan Adams in everything I do, I do it for you.“

„Geil“, sagte Lena.

„Die Verbindung war schlecht. Ich sollte zurück rufen. Eine 0190-Nummer.“ Zack! Anna ließ das Messer auf die erste geschälte Zwiebel fallen. „Ich bin so dämlich! Ich habe mich einwickeln lassen

wie ein Teenager. Fast sechshundert Euro habe ich jetzt auf meiner Telefonrechnung! Aua!“ Jetzt hatte sie sich in den Daumen geschnitten.

Lena brachte ihr ein Pflaster. Während sie Annas Daumen verarztete, sagte sie: „Ich dachte, dass du dich auf so eine Schutzliste hast eintragen lassen?“

„Habe ich auch. Die Polizei vermutet aber, dass jemand genau diese Schutzliste benutzt hat.“

„Das ist dreist!“ Lena lehnte sich gegen die Anrichte. „Und nun?“

Anna biss sich auf die Lippe. „Die Polizei meint, die Chancen, dass man den Täter findet, stehen schlecht.“

 

*

 

Drei Wochen später, fragte Lena: „Hast du schon was von der Polizei gehört?“

Anna schüttelte den Kopf. „Die haben den Fall schon zu den Akten gelegt. Dabei hätte ich diesem Mistkerl so gerne eine Lektion erteilt!“

Sie hackte den Bärlauch mit so viel Wucht, dass Lena die Augenbraue hob. „Was würdest du denn machen, wenn er vor dir stehen würde?“, fragte sie.

„Pilzsuppe würde ich ihm servieren!“

„Pilzsuppe? Wir haben Frühling!“

Jetzt lächelte Anna. „Ich habe recherchiert. Es gibt Frühlingspilze wie die essbare Morchel und die giftige Lorchel. Beide sehen sich sehr ähnlich.“

Lenas Augen erweiterten sich. „Du willst ihn umbringen?“

Anna zuckte die Schultern. „Wenn ich ihn finde … “

Die Tür zur Gaststube ging auf. „Kundschaft!“, rief Marco, der Barkeeper.

„Darüber reden wir noch“, sagte Lena stirnrunzelnd und verschwand im Lokal. Immer, wenn sie zurück in die Küche kam, um Bestellungen abzuholen, schaute sie kopfschüttelnd in Annas Richtung.

Irgendwann blieb sie bei Anna stehen. „Wieso willst du ihn gleich umbringen. Wenn du ihn findest, kannst du ihn doch auch anzeigen und auf Schadensersatz verklagen?“

Anna stellte Tiramisu auf ein Tablett. „Witzbold! Wie soll ich ihn denn finden, wenn die Polizei das nicht mal kann?“

Lena grinste. „Es ist Mittwoch und Herr Walter ist gerade hereingekommen. Du weißt schon … der diese Detektei hat.“

„Na und?“

„Manchmal erzählt er davon. wie er Menschen findet.“ Lena holte tief Luft, bevor sie weiter sprach. „So eine Detektei hat mehr Möglichkeiten als die Polizei. Ich dachte, das interessiert dich vielleicht.“ Dann schnappte sie sich das Tablett und marschierte zurück ins Lokal.

 

*

 

Nachdem Anna die Töpfe gespült hatte, nahm sie ihre Schürze ab, schnappte sich eine Flasche Spätburgunder mit zwei Gläsern und ging ins Lokal. „Guten Abend Herr Walter. Darf ich mich ein paar Minuten zu Ihnen setzten? Ich würde Sie gerne etwas fragen.“

Sie durfte.

Das Gespräch war Balsam für Ihre Seele. Herr Walter sprudelte vor Ideen. „Die Polizei vermutet also, dass ein Mitarbeiter dieser Organisation, bei der Sie auf der Schutzliste stehen, Ihre Daten verkauft hat?“

„Ja“, bestätigte Anna. „Aber die Polizei kommt da nicht weiter.“

Herr Walter schnaubte. „Würden Sie seine Stimme erkennen?“

„Sicher.“ Sie trank einen Schluck. „Ich … ich weiß nur nicht, ob ich mir Ihre Dienste leisten kann. Was kostet ...?“

„Verstehe“, unterbrach er. „Aber möglicherweise hat ja auch die Firma ein Interesse daran, den Täter zu finden. In diesem Fall würde die die Ermittlungen bezahlen. Soll ich mal mit dem Geschäftsführer reden?“

„Au ja! Es wäre wirklich schön wenn der Kerl seine Strafe bekommt!“

„Im besten Fall bekommen wir ein Geständnis von dem Typen“, sagte Herr Walter und lächelte Anna an.

Diese Worte erinnerten Anna an einen Artikel, den sie vor kurzem gelesen hatte. Er handelte von Schamanen in Sibirien, die Fliegenpilze servierten, um Menschen in einem Rausch zu bringen. Fliegenpilze sollten eine ähnliche Wirkung haben wie Alkohol. Zuerst gerieten sie in Euphorie und wurden redselig, danach müde bis zur Lähmung. Aber jetzt im Frühling gab es keine Fliegenpilze. Sie musste unbedingt nachlesen was Lorcheln so drauf hatten.

Anna nickte. „Ein Geständnis, ja, da möchte ich dabei sein. Falls Sie ihn finden, bringen Sie ihn bitte hierher.“

 

*

 

Eine Woche später kam Herr Walter vorbei, um Bericht zu erstatten. „Ich habe meinen Mitarbeiter, Herrn Franz, in die Verwaltung dieser Schutzlistenfirma eingeschleust. Bezahlt werde ich von denen.“

„Schön“, fand Anna.

„Der Geschäftsführer hatte sich schon selber überlegt, ob er ermitteln lässt“, fuhr Herr Walter fort. „Die Polizei hatte bereits wegen mehrerer Fälle nachgehakt.“

„Dann bin ich also nicht die Einzige, die so doof ist und auf solche Sachen reinfällt“, sagte Anna.

Herr Walter klopfte ihr auf die Schulter. „Machen Sie sich keinen Vorwurf. Der Täter hat gesagt, dass er von der Polizei ist. Das ist ein Betrüger der allerschlimmsten Sorte, aber genau deswegen kriegen wir ihn!“

Es tat gut, dass er so viel Sicherheit ausstrahlte.

 

*

 

Immer wieder überlegte Anna. Fliegenpilze eigneten sich besser als Frühlingspilze. Sowohl vom Geschmack als von der Wirkung. Über Pilze wusste sie Bescheid. Früher hatte sie sie immer mit ihrem Vater im Schwarzwald gesammelt und später getrocknet.

„Genau! Ich muss Vater anrufen!“, rief sie.

Lena hielt inne. „Was?“

Anna grinste. „So, wie ich meinen Vater kenne, hat er bestimmt getrocknete Fliegenpilze im Keller“, sagte sie.

Lena kniff die Augen zusammen. „Wieso hat dein Vater getrocknete Fliegenpilze im Keller?“

Anna winkte ab. „Das erzähle ich dir ein anderes mal, in Ruhe.“

 

*

 

Ein paar Tage später meldete sich Herr Walter wieder. Inzwischen würden sie schon ein paar bestimmte Mitarbeiter der Firma unter der Lupe nehmen, berichtete er.

„Einer kommt sehr früh“, sagte er, „ein Zweiter geht lange, nachdem alle anderen weg sind. Dann gibt es einen, der sich freiwillig meldet, um aufs Telefon aufzupassen, wenn die anderen im Meeting sind. Und zwei haben ein Büro für sich alleine!“

„Bald kannst du diesen Verbrecher anzeigen“ meinte Lena, während sie die Servietten verteilte. „Oder willst du ihn noch immer umbringen?“

Anna zuckte die Schultern. Könnte sie ihn töten? Falls sie die richtige Menge Fliegenpilze nahm, würde man bei einer Obduktion nichts merken. Wütend genug war sie ja immer noch. Doch was, wenn sie sich bei den Pilzen vertat und am Ende selbst im Gefängnis landete? Wäre es das wert? Wahrscheinlich nicht.

 

*

 

„Wir haben einen Verdacht“, erzählte Herr Walter beim nächsten Treffen. „Es gibt da jemanden mit Spielschulden.“

„Bringen Sie ihn her?“, bat Anna.

Herr Walter schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Es fehlen noch eindeutige Beweise und wir wollen auch die Hintermänner, die die Daten gekauft haben und die diese Anrufe tätigen.“

„Ja, den Anrufer hätte ich auch gerne in den Fingern!“, meinte Anna. Dann machte sie sich an die Arbeit.

 

*

 

Lena schnupperte als sie in die Küche kam. „Schon wieder Pilzsuppe?“

„Lärchentrichterlinge, leicht zu verwechseln mit dem April-Röhrling.“

„Du willst die Sache mit den giftigen Pilze doch nicht wirklich durchziehen?“ Lena schaute Anna an.

Anna hielt Lenas Blick stand. „Mach dir keine Sorgen. Ich werde ihn nicht töten, sondern nur zum Reden bringen. Ich will nicht nur den, der meine Daten verkauft hat, sondern auch diesen Kerl, der mir am Telefon mit seiner Samtstimme betäubt hat. Das ist was Persönliches. Verstehst du das?“

Lena seufzte. „Ja, aber ...“

„Ich mache Pilzsuppe der Saison, mische für den Scheißkerl aber getrocknete Fliegenpilze hinein. Davon stirbt er nicht, aber reden tut er“, unterbrach Anna und erzählte, was sie über Fliegenpilze wusste.

 

*

 

Zwei Wochen darauf bat Herr Walter Anna in sein Büro. Herr Franz, der den Undercovereinsatz geführt hatte, zeigte ihr Videoaufnahmen von einer Geldübergabe im Park. „Der mit der grünen Jacke ist Peter Schubert, der Mann mit den Spielschulden. Er bekommt Geld von dem anderen, den wir an Hand seines Autokennzeichens als Marco Seidel identifizieren konnten.“ Er schaltete den Ton an.

Anna erkannte die Stimme von Marco Seidel sofort. „Das ist er!“, rief sie aus. „Der hat mich angerufen!“

Die beiden Detektive nickten. „Das hatten wir gehofft“, sagte Herr Walter und erläuterte seinen Plan. „Um die Beweise zu sichern, haben wir uns Folgendes überlegt ...“

 

*

 

Die erste Blüten der Orientalische Kirsche fielen an dem Tag, an dem Anna fröhlich pfeifend eine Pilzsuppe vorbereitete. Zuerst die Lärchentrichterlinge.

Es war Montag. Eigentlich war das Restaurant geschlossen, doch es fand ein besonderes Geschäftsessen statt. Die Detektive Walter und Franz würden kommen, der Geschäftsführer der Schutzlistenfirma und Peter Schubert, der Annas Daten verkauft hatte.

Jetzt waren die Hüte der Stockschwämmchen an der Reihe.

Herr Walter hatte morgens bereits eine versteckte Kamera installiert.

„Dieser Schubert hat so viele Schulden“, hatte er gesagt, „von dem werden Sie kein Cent sehen. Wir müssen diesen Seidel kriegen!“

Das sah Anna genauso, obwohl es ihr nicht nur ums Geld ging.

Shiitakepilze, Salz, Pfeffer, noch ein wenig Rosmarin, Borretsch. Noch mal abschmecken. Gut!

Eine Portion goss sie in einem kleinen Topf. Die Schüssel mit den getrockneten Fliegenpilzen stand daneben bereit.

Das Verhältnis, die Menge. Sie hatte sich alles genau zurecht gelegt. Jeder würde denken, dass der Schubert zu viel von dem guten Pinot Noir getrunken und dann geplaudert hatte.

Aber dann zögerte Anna. Fliegenpilze waren instabil. Was, wenn es doch schief ging? Außerdem wusste Herr Walter nichts von den Fliegenpilzen, trotzdem war er zuversichtlich, dass Herr Schubert reden würde.

Was sollte sie machen? Vielleicht sollte sie kein unnötiges Risiko eingehen. Andererseits war sie neugierig, wie der Fliegenpilz wirkte. Der Seidel würde ja auch noch kommen. Diese schöne Stimme wieder zu hören während er sein dreckiges Geschäft gestehen würde …  

Die Betrüger sollten reden, so viel sie nur konnten!

Es war Zeit sich zu entscheiden. Anna griff nach der Schüssel! Heute würde sie die halbe Portion servieren!


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