Monster aus dem Schrank

von Milou Weske

Ben starrte aus dem Fenster und wischte seine feuchten Hände an seiner Hose ab. Draussen war es fast dunkel und ziemlich neblig, echtes Monsterwetter. Er machte sich Sorgen. Seine Eltern waren ausgegangen und mit Anna, als Babysitter, passierten immer solche Dinge.
Das letzte Mal hatte Anna die Häschen aus ihren Käfig gelassen. Danach konnte sie die Häschen allerdings nicht mehr einfangen. Da mussten Ben und seine große Schwester Ruth helfen, sonst gab es weder etwas zu Naschen noch durften sie Fernsehen gucken. Als die Häschen endlich wieder im Käfig saßen, mussten sie ins Bett.
Das Mal davor hatte sie eine Wespe gejagt. Doch statt das Biest tot zu schlagen, hatte die blöde Kuh die Wespe nur böse gemacht und Ben gestochen. Das hat ganz dolle weh getan.
?Ich habe etwas zum basteln mitgebracht", unterbrach Anna seine Gedanken. ?Dafür brauche ich eine Zick-Zack-Schere. Die habt ihr doch bestimmt."
?Ben hat eine. Die Erstklassler brauchen die in der Schule", sagte Ruth während sie zur Treppe lief.

Bevor Ben etwas sagen konnte, lief Anna schon hinterher um in seinen Sachen rumzuschnüffeln. Er eilte jetzt auch hoch.
?Die Schere ist nicht hier", teilte er sie atemlos mit. Doch Anna stellte sich taub.
Er tanzte vor sie rum. ?Bitte. Bitte. Nicht das Rollschränkchen. Genau da sind die Monster drin." Papa hatte alle Monster in die blaue Schublade des Rollschränckens eingeschlossen, bevor er sich verabschiedete.
Anna lachte laut. ?Keine Sorge. Monster gibt es vielleicht in deiner Phantasie, aber sicher nicht in Schränken."
Inzwischen stand Anna neben dem Rollschränkchen.
Ben kletterte schnell auf sein Hochbett. Er sleuderte ihr Spielsachen an den Kopf. ?Es gibt hier keine Scheren. Wie oft muß ich dir das noch sagen?"
?Autsch! Lass das, du tust mir weh." Für einen Moment rieb Anna sich den Kopf und schaute ihn zornig an. Dann ging ihre Hand in Richtung der blauen Schublade.
?Pass doch auf. Sonst ...". Brüllend versuchte Ben noch das Schlimmste zu vermeiden, aber es half nichts. Anna öffnete die Schublade. Ein Luftzug machte ihn klar, dass die Monster entkommen waren. Vor Elend fing er an zu weinen.
Ruth hatte sich alles von der Türöffnung aus angeguckt. Grinsend sagte sie: ?Gratuliere Anna, du hast wieder Mal die Heulboje namens Ben angeschmissen. Die Schere findest du übrigens in die Küche."
?Kannst du das nicht früher sagen? Wieso bist du denn überhaupt nach oben gelaufen?"
?Ich wollte nur ein Buch holen."
Anna seufzte. ?Pff. Kinder! Jetzt gehen wir erstmal Abendbrot essen und dann geht es ab ins Bett mit euch."

Ruth zeigte auf Annas Handy, das ständig piepste. ?Geh lieber ran. Nachher kannst du das telefonieren vergessen. Die Heulboje wird dich ständig ärgern."
Anna warf den Kindern einen finsteren Blick zu. ?Wenn es nötig ist, sperre ich euch in euren Zimmern ein."
?Ich habe doch gar nichts gemacht", antwortete Ruth beleidigt.
Anna zuckte den Schultern. ?Du zickst hier rum."
?Und du auch", dachte Ben, wechselte jedoch lieber das Thema. ?Kannst du mir bitte noch ein Käsebrot machen? Ich habe noch Hunger." Das mit dem Hunger stimmte zwar nicht. Schließlich war das schon seine vierte Scheibe, nur wenn er das Brot langsam essen würde, könnte er bestimmt noch ein bisschen im Wohnzimmer bleiben.
Während Anna in der Küche verschwand, ließ Ben sich neben Ruth auf die Couch fallen. ?Besuchen dich nie irgendwelche Monster wenn du schlafen möchtest?"
Ruth kicherte. ?Nö. In meinem Zimmer habe ich noch nie ein Monster gesehen."
Das hörte sich gut an, dachte Ben und da hatte er eine Idee. Das wurde auch Zeit, denn kurz darauf wurden die Kinder ins Bett geschickt.

Ben ließ das Licht an, damit die Monster nicht wussten, dass die Nacht angefangen hatte. Als er im Haus nichts mehr hörte, schleppte Ben leise seine Decken durch den Flur. Ganz leise. Weder Anna noch Ruth sollten hören wie er sich in Ruths Zimmer schlich.
Auf die eine Decke legte er sich, mit der zweiten deckte er sich zu. In der Nähe seiner großen Schwester fühlte er sich sicher.

Gerade als er einschlafen wollte, fing die Erde unter ihn an zu beben. Ein ekliger Geruch drang in seine Nase. ?Das riecht ja wie Hundescheiße", murmelte er. Dann spürte er wie ein haariger Finger ihn am Kragen fasste. Er setzte sich blitzschnell auf. Dabei schaute er direkt in den roten Augen eines riesigen Monsters. ?Aaaaah," schrie er laut auf.
Das Licht wurde angeknipst. ?Was machst du denn hier?", fragte Ruth verschlafen.
Ben schaute auf sein Kopfkissen, wo der Kater Nero es sich bequem gemacht hatte. Erleichtert seufzte er auf. ?Tschuldige. Ich konnte nicht schlafen ... Du weißt ja, die Monster. Ich wollte nicht allein sein. Ich dachte ... Na ja, Nero hat mich eben erschreckt."
Ruth snaubte. ?Was bist du für ein Feigling. Hau jetzt wieder ab. Ich möchte schlafen."
?Wenn du mich wegschickst, sage ich Anna, dass du mich ärgerst."
Seine Schwester stieß einen tiefen Seufzer aus. ?Von mir aus, aber störe mich nicht noch mal. Sonst fliegst du raus. Dann ist mir auch Anna egal."
Sie machte das Licht aus. Eine Weile war es still. Dann hörten sie ein stets lauter werdendes Geräusch. ?Druuuh."
?Was ist das?", wollte Ruth wissen.
?Ich glaube ... na ja ... es könnte ..." Ben traute sich nicht seine Vermutung auszusprechen. Wenn sich heraus stellte, dass er sich irrte, würde Ruth ihn endgültig aus ihrem Zimmer rauswerfen. Sein Herz hämmerte wie verrückt in seiner Brust. Die Geräusche würden immer lauter. ?Groooaaauuuuh."
Etwas riesiges, graues schwebte durch das Zimmer. ?Iiiiih! Ein Monster", rief Ruth erschrocken. ?Du hast ein Monster in mein Zimmer gebracht. Wir müssen Anna holen."
?Die glaubt uns nie. Du weißt doch wie sie über Monster denkt", antwortete Ben.
Mit zitternden Händen versuchte Ruth das Licht an zu machen. Dabei stieß sie die Lampe um. Der Knall der zerbrochenen Glühbirne ließ die beiden erneut zusammen zucken.
Ruth schimpfte: ?Du kennst dieses Monster. Was sollen wir tun? Lass dir etwas einfallen." Sie kam aus ihrem Bett und setzte sich zitterend neben Ben.

Als er seine Schwester so verängstigt sah, beruhigte sich Ben. Jetzt war endlich klar, dass er sich die Sache mit den Monstern nicht nur einbildete. Laut überlegte er: ?Wenn sie in der Schublade sind, können sie nicht raus. Wahrscheinlich können sie auch nicht in eine geschlossene Schublade rein. Wir müssten uns also in einer Schublade oder ähnlichem verstecken können."
?Wir sind ein bisschen groß für die Schublade, meinst du nicht?", jammerte Ruth.
?Meckere doch nicht gleich so rum. Ich wollte noch mehr sagen."
?Tschuldigung, aber ich habe Angst. Obwohl ... es ist still. Vielleicht ..."
?Das Monster ruht sich wahrscheinlich gerade aus für den nächsten Angriff", unterbrach Ben sie. ?Wir können uns inzwischen in dem Ankleideschrank von Papa und Mama verstecken. Da kommt es wahrscheinlich nicht rein."
?Können wir ja mal versuchen. Irgendwas müssen wir ja tun."
Sie nahmen alle Decken beisammen und gingen zum Ankleideschrank im Elternzimmer. Ben kuschelte sich in seine Decken, während Ruth die Schuhe ihrer Mutter zur Seite schob, um sich ein Schlafplätzchen zu schaffen. ?Pfui, die muffeln. Die schmeiß ich aus dem Schrank", sagte sie mit hochgezogener Nase. Danach zog sie die Schranktür zu und machte es sich ebenfalls bequem. Im Schrank gab es keine unheimlichen Schatten oder Geraüschen.
?Ich muß zugeben, Brüderlein ... die Monster auf dieser Art aus zu tricksen war eine klasse Idee."
Ben fühlte sich zum antworten zu müde, aber er schlief ein mit einem lächeln im Gesicht. 

 

© Milou Weske




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