Lesen, Schreiben und Glückshormone

Über die Prosaschmiede

von Milou Weske

Wussten Sie, dass Vorlesen bei Kindern die Sprachentwicklung und die Phantasie stimuliert? Das beginnt bereits beim Sprechen lernen. Der Wortschatz wird mühelos vergrößert.
Seit ich in die Erlebniswelt der Autorengruppe 'Prosaschmiede' eingetaucht bin, habe ich bemerkt, dass Schreiben und sich intensiv mit Texten beschäftigen bei mir als Erwachsener das Gleiche bewirkt.
Durch Texte der anderen Teilnehmer lerne ich neue Worte kennen und sehe wie Phantasiewelten aufgebaut werden.

Kirsten erzählt uns, dass es seit Anbeginn der Zeit Drachen auf dieser Welt gegeben hat. Doch da die Menschen Angst vor ihnen hatten, wurden sie verfolgt und gejagt. Die Drachen lernten daher, sich in Menschen zu verwandeln um der Verfolgung zu entgehen. Nur wenn sie sich aufregen verwandeln sie sich erneut in Drachen, und Aufregung gibt es genug.
Geschichten mit solchen und ähnlichen Phantasiewesen, zum Beispiel Dinosaurier, sind bei Kindern sehr beliebt. Bei Erwachsenen jedoch, stellt sich heraus, dass nicht jeder etwas mit dem Genre ?Fantasy" anfangen kann. Das bietet dann wiederum interessante Diskussionen.

Auch gibt es in der Prosaschmiede Liebe und Leidenschaft.
Susanne berichtet: ?Die stahlblauen Augen des Traummannes gibt es überhaupt nicht. Sie sind normal blau wie bei anderen Menschen auch." Klischees sind nämlich in der modernen Literatur verboten.
Hoffentlich habe ich sie jetzt nicht all zu sehr enttäuscht.
Sabrina stellt uns zwei Kolleginnen vor, die nichts für einander übrig haben. Die eine ist jung und ungestüm. Die andere ist eine Generation älter und hat ganz andere Probleme. Doch als letztere erfährt, dass die junge Dame es mit ihrem Sohn treibt sind Konflikte vorprogrammiert.
Und Konflikte braucht man unbedingt, denn ohne Konflikte gibt es keine Geschichte.
Beim Vortragen der Texte spielen übrigens ebenfalls die Gefühle des Verfassers verrückt. Das beweisen die roten Wangen, das Räuspern, die zerkauten Fingernägel und die Überschall-geschwindigkeit womit vorgelesen wird. Letzteres kann natürlich auch gemacht werden, weil der Sprecher so schnell wie möglich wissen möchte, was die anderen zu dem Text zu sagen haben.

Durch Stefanie lernen wir einen Mann, namens Ulf, kennen. Er möchte Krimiautor werden und besucht dazu ein Seminar.
Dieses Seminar ist allerdings dermaßen kitschig, dass Ulf anfängt Pläne zu schmieden um die Kursleiterin umzubringen.
?Man könnte sie an den mächtigen Deckenbalken des Seminarsaals aufhängen", überlegt sich Ulf. ?Oder sie vor den Zug werfen." Er hat jedoch Bedenkungen gegen die Ausführung seiner Ideen.
Als die Kursleiterin und Ulf, nach dem Essen, zusammen die Treppe hinauf steigen, strauchelt die Kursleiterin. Ulf muss ihr nur seine Hand reichen um sie zu retten ...
Um zu erfahren, ob aus dem Schreibtischmörder ein echter Mörder wird, müssen Sie schon selber zur Prosaschmiede kommen. Dort gibt es noch viel mehr anregende Beiträge die unsere fünf Sinne berühren, denn beim Schreiben soll man die Leser erfahren lassen, wie das worüber geschrieben wird aussieht, schmeckt, riecht, fühlt und wie es sich anhört.

Das Erfassen eines Textes ist nicht immer einfach. Mal fließt die Tinte so schnell aus dem Kuli, dass ich meine eigene Schrift kaum lesen kann. Ein anderes Mal wälze ich mich die halbe Nacht von der eine auf die andere Seite um die zündende Idee über den Fortgang einer Geschichte zu finden, oder es gibt ein richtiges 'Wortringen'. Da hilft das Naschen von Lakritz bis es mir schlecht wird. Zugegeben, manchmal schafft auch ein Synonymenwörterbuch oder ein Lexikon Abhilfe.
Aber die Wärme und das Kribbeln, die sich im ganzen Körper verbreiten wenn der Text fertig ist, ist das alles wert. Ich glaube, dann sind die sogenannten 'Glückshormone' freigesetzt. 

 

© Milou Weske

 

Aus: Die Prosaschmiede
Ein Informationsblatt Schreibfreudiger in der VHS Celle, September 2004




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