Testreihe

von Cathrin Block

Heute früh haben sie Bani geholt, hat Amah gesagt. Drüben in der Hütte sitzen jetzt alle herum und wissen nicht, was sie machen sollen. Vielleicht haben sie in der Brust genauso einen Klumpen wie ich, der wehtut. Bani ist fort!

   Ich habe Amah gefragt, wann sie wiederkommt. Amah hat mich nur angesehen. Dann sammelte sich ein See in ihren Augen und lief über. Das hat sie noch nie gemacht. Meine Amah ist nämlich sehr stark. Sie ist die Bossin vom Alpha-Gehege. Briga sagt immer, meine Amah kann so schnell nichts umhauen. Irgendwie klingt das immer ein bisschen neidisch. Brigas Augen laufen immerzu über.

   Mir ist ganz elend, weil Bani nicht wiederkommt. Sie hat uns Kindern immer so lustige Geschichten erzählt, wie es früher war. Sie musste oft zu den Mundlosen, aber an den anderen Tagen gingen wir immer ins Delta-Gehege, um ihre Geschichten zu hören. Eine mochte ich besonders gerne. Da war nämlich ein Mädchen, genauso alt wie ich, das lebte in einer Hütte aus Gras mitten zwischen anderen Hütten und himmelhohen Bäumen, zusammen mit ihrer Amah und ihrem Baba. Baba ist so etwas wie Amah, nur dass Baba ein Mann ist. Warum da Männer und Frauen zusammen waren, habe ich nicht verstanden. Bani sagte, dass wäre früher so gewesen.

   Eines Tages kam dann ein anderer Mann. Der sagte zu dem Baba, dass er das Mädchen mit nach Hause nehmen will. Mari hat Bani gefragt, was „nach Hause" heißt. Bani hat gesagt, so etwas wie „Gehege".

   Der andere Mann wollte also das Mädchen mitnehmen. Aber der Baba und die Amah sollten deshalb nicht traurig sein. Darum hat er ein paar Ziegen bei ihnen gelassen. Ziegen, sagt Bani, sind beinahe wie die Hunde, die auf der anderen Seite vom Mundlosen-Haus wohnen, nur dass Ziegen ein Haarbüschel am Kinn haben und harte Stangen auf dem Kopf. Und jetzt ist Bani nicht mehr da, und niemand kann uns über Ziegen und Babas und all die anderen Sachen erzählen, die es früher gab.

 

Amah hat mich gerufen. Sie will nach Beta und die anderen Bossinnen treffen. Wenn im Mundlosen-Haus die Lichter ausgehen, wollen sie eine Feier für Bani machen. Bani war die letzte Freie, hat sie gesagt, darum soll sie die Totenehrung kriegen. Ich bin gespannt, was das bedeutet.

   Amah hat mir eingeschärft, in den Schlupfwinkel zu kriechen. Sie sagt, die Mundlosen werden heute kommen und zählen. Das machen sie immer, wenn eine für immer aus dem Gehege geholt wird, sagt meine Amah. Sie will nicht, dass die Mundlosen mich jetzt schon zu sehen kriegen. Ich bin noch zu jung für das Mundlosen-Haus, sagt sie, aber das glaube ich nicht. Mari ist jünger als ich und war schon dreimal dort. Sie will nichts erzählen, aber ich glaube, es hat ihr nicht gefallen. Beim zweiten Mal war sie gar nicht mehr eifrig, als der Graue ihren Namen aufrief. Ich glaube, meine Amah will mich so lange wie möglich davor beschützen. Aber bald bin ich zu groß für den Schlupfwinkel. Dann muss ich beim Aufrufen dabei sein, aber noch nicht heute. Jetzt bin ich noch sicher hinter dem Holzstapel, den der Graue für das Wärmefeuer in der Hütte immer wieder auffüllt.

   Amah hat das Versteck wirklich schlau gemacht. Man hebt zwei Dielen in der Latrine hoch und kann unter der Wand hindurch hinter den Holzstapel kriechen. Niemand weiß davon außer Amah und mir, und sie hat mir eingeschärft, dass ich niemals darüber reden darf, auch nicht zu Mari, die meine Freundin ist. Aber Geni, Maris Amah, ahnt etwas. Beim letzten Mal hat sie ganz komisch geguckt, als ich wieder auftauchte.

 

Die Mundlosen waren tatsächlich da, und diesmal hat der Graue sogar zwei Weiße mitgebracht. Durch einen Spalt im Holzstapel habe ich alles genau gesehen. Die Weißen leuchten richtig, so hell sind ihre Mäntel. Auch die Hauben, Handschuhe, Hosen und Schuhe - alles ist ganz weiß, noch weißer als Knochen, die in der Sonne gelegen haben. Sogar die Haut über den Mundtüchern ist weiß. Der Graue ist dort braun wie wir, vielleicht ein bisschen heller, aber die Hautfarbe der Weißen ist wie der Brei, den wir morgens essen, vermischt mit ein bisschen Rosa.

   Ich glaube, wenn der Graue seine ganzen Tücher eines Tages wegnimmt, sieht er genauso aus wie wir. Briga behauptet das jedenfalls. Sie sitzt oft am Trennweg und guckt zu den Männern rüber. Manchmal redet sie auch mit ihnen, obwohl der Graue das nicht wissen darf. Er sagt, die Männer wollen zu oft einen Paarungstag, wenn sie viel mit Frauen reden, aber die Weißen erlauben nur ab und zu einen. Briga ist das egal. Sie mag es, mit den Männern zu reden. An einem Tag war es sehr heiß, und der Graue hat noch vor dem Tor zum Mundlosen-Haus seine Haube und das Mundtuch weggenommen. Dabei hat Briga ihn gesehen. Deshalb wissen wir, dass die Mundlosen genauso einen Mund haben wie wir und keinen leeren Fleck mit den Tüchern verstecken. Trotzdem nennen wir sie noch Mundlose, wir sind es so gewöhnt.

   Ob die Weißen auch so aussehen wie wir, nur überall weiß?

   Jedenfalls sind sie sehr groß. Kerti, die Größte vom Alpha-Gehege, reicht dem kleineren Weißen nur bis zum Kinn. Ich glaube, der kleinere Weiße ist eine Frau. Er bewegt sich fließender als der andere oder der Graue.

 

Alle von Alpha mussten in einer Reihe antreten. Dann gingen die Weißen und der Graue dicht daran entlang. Der Graue hatte ein Brett und ein kleines Stöckchen. Bei jeder von uns blieben die Weißen stehen, fassten an die Stirn, zogen die Haut an einem Auge nach unten, schauten in den Mund und ließen sich die Zunge zeigen. Dann nahm die weiße Frau das Handgelenk und guckte eine Weile auf ein Ding an ihrem Arm. Der weiße Mann sagte inzwischen etwas zum Grauen, und der kratzte dann mit dem Stöckchen über das Brett.

   Die letzte in der Reihe war Geni, und der Graue fragte nach meiner Amah. Geni sagte, dass Amah im Beta-Gehege ist, dann sagte der Graue etwas zu den Weißen, was keiner verstehen konnte, weil keiner die Worte kennt. Dann sollte Geni meine Amah holen, aber sie blieb stehen und fragte „Wollt ihr nicht auch ihre Tochter sehen?"

 

Amah musste mich aus dem Versteck holen. Der Graue war sehr böse auf Amah und hat sie angeschrien, als sie von Beta kam. Aber die Weißen waren sehr böse auf den Grauen, das konnte man sehen, als sie in einer Ecke miteinander redeten. Dabei hat er doch keine Schuld, so schlau, wie meine Amah ist. Dann redeten die Weißen mit meiner Amah, die natürlich nichts verstand. Dann sagt der Graue, die Weißen wollten mich sehen. Amah war sehr erschrocken, aber sie musste mich aus dem Versteck holen. Der weiße Mann fasste an meine Stirn. Seine Hände in den Handschuhen fühlten sich eklig klebrig-glatt an. Dann zog er die Haut an einem Auge herunter. Ich war ganz erschrocken, weil seine Augen hellblau waren wie der Himmel und nicht schwarz. Aber ihm war das egal. Er machte meinen Mund auf und ließ sich die Zunge zeigen. Dann nahm die Frau mein Handgelenk und starrte wieder auf das Ding an ihrem Arm. Der Graue ließ das Stöckchen über das Brett kratzen.

   „Halte dich bereit", sagte der Graue, bevor sie nach Beta hinübergingen. „Wir holen dich, wenn wir hier fertig sind."

   Seitdem hält Amah meine Hand und sieht gar nicht glücklich aus.

 

Ich sitze in dem seltsamsten Raum, den ich jemals gesehen habe. Alle Wände sind weiß. Nirgendwo ist ein bisschen Ruß. Kein Feuer brennt, und trotzdem ist es warm. Der Fußboden ist aus glatten, glänzenden, viereckigen Steinen und nicht aus festgestampftem Lehm. Es ist sehr hell, weil eine Wand durchsichtig ist. Von der Decke hängen lange Kästen, aus denen noch mehr Licht kommt. Unter den Kästen stehen Tische.

   Amah hätte mich längst am Ohr gezogen, wenn ich irgendwo eine solche Unordnung machen würde wie die Weißen auf den Tischen. Die Weißen sind bestimmt sehr reich, weil sie ihre Sachen nicht besser behandeln müssen. Wenn ich nur etwas davon hätte, würde ich darauf aufpassen wie Rina auf ihre Spange, die sie sich immer in die Haare steckt. Aber bei den Weißen liegt alles durcheinander und ist schmutzig und keiner kümmert sich darum. Ich würde gerne einen von den kleinen weißen Töpfen mit dem Stab haben, die aussehen wie der Mörser, mit dem Amah die Hirse zerkleinert. Oder eines von den Röhrchen, die in Ständern stehen und aussehen, als wären sie aus hartem Wasser. Aber noch besser wäre so ein Feuerstab. Er steckt in einem Teller, damit er nicht umfallen kann, und die Flamme über ihm kann man nur sehen, wenn man etwas hineinhält. So einen hätte ich wirklich gern. Dann braucht meine Amah nicht mehr zu schimpfen, wenn ich das Feuer ausgehen lasse. Aber eigentlich möchte ich jetzt lieber von Amah ausgeschimpft werden. Dann müsste ich nicht hier sitzen.

   Zwischen den Tischen laufen eine Menge von den Weißen herum und machen mit den Röhrchen und Töpfen irgendwelche Sachen. Manchmal zischt es, und in der Luft ist ein schöner Geruch, der mir aber auch übel macht. Mir tut der Kopf weh, weil ich so viel schaue, aber nichts verstehe.

   In meiner Ecke ist es ruhig. Der Stuhl, auf dem ich sitze, ist am Boden festgeschraubt, und ich werde durch ein Gitter beschützt, das um den Stuhl herum ist und eine Tür hat. Das ist gut, weil ich sonst viel mehr Angst hätte. Amah hat gesagt, ich soll keine Angst haben, aber es war wieder ein See in ihren Augen. Ich will keine Angst haben, wie Amah gesagt hat.

   Vorhin hat der Graue meine Kopfwolle abgeschoren. Jetzt ist ein seltsam kühles Gefühl dort. Aber Amah hat gesagt, ich brauche keine Angst haben. Und ich habe keine, wirklich nicht. Ich habe keine Angst.

   Die weiße Frau von vorhin ist gekommen. Ich glaube jedenfalls, dass sie es ist. Sie guckt mich freundlich an und nimmt mein Handgelenk. Mein Herz klopft, aber ich habe keine Angst. Amah hat gesagt, ich soll keine haben. Die weiße Frau murmelt etwas, das freundlich klingt. Dann kratzt sie mit einem Stöckchen über ein Brett.

   Ehe ich richtig weiß, was passiert, hat sie mir eine Nadel in den Arm gepiekt. Das tut weh! Ich will das nicht, aber sie hält meinen Arm fest, dass ich mich nicht bewegen kann. Dabei redet sie wieder freundlich. Mir wird ganz leicht im Kopf und ich muss lächeln. Sie bindet mich fest, dass ich nicht mehr aufstehen kann oder meine Arme bewegen. Dabei redet sie immer weiter. Es klingt freundlich, aber ich kann es nicht verstehen. Ich lächle.

   Der weiße Mann kommt. Er hat einen Topf in der Hand. Daraus nimmt er etwas und streicht es mir auf den Kopf. Es ist kühl und riecht seltsam. Dann geht er wieder. Die weiße Frau ist still und schaut mich an. Ihre Augen sind auch blau.

Es fängt an zu jucken. Erst nur ein bisschen. Aber jetzt kann ich es nicht mehr aushalten. Ich will mich kratzen, aber es geht nicht. Meine Arme sind festgebunden. Das Jucken tut weh! Es ist auf dem Kopf und auch auf dem Rücken. Ich möchte den Rücken scheuern, aber es geht nicht. Die weiße Frau hält mich fest. Ich heule los. Die anderen Weißen im Raum gucken neugierig. Die weiße Frau redet leise wie Amah, wenn sie mich tröstet. Ich heule. Der weiße Mann kommt und sagt etwas zu der Frau. Sie nimmt ein kühles Ding und schiebt es in meinen Mund. Ich will es ausspucken, aber sie klebt ganz schnell etwas darüber. Jetzt kann ich nicht mehr heulen, aber ich kann jetzt meinen Rücken scheuern. Der weiße Mann spricht deshalb böse mit der Frau. Ich kann nicht mehr heulen. Mein Kopf tut so weh! Ich will meine Amah! Meine Augen brennen. Ich kann nicht mehr schreien. Meine Augen kriegen einen See und laufen über. Die Frau ist böse mit dem Mann. Sie redet laut mit ihm. Er schüttelt den Kopf und kratzt mit dem Stöckchen. Aber sie nimmt eine Nadel und piekt in meinen Arm. Ich merke nichts, weil alles wehtut. Ich will zu Amah! Ich habe Angst! Ich werde müde. Amah komm und hole mich. Ich will nicht mehr ins Mundlosen-Haus. Ich bin so müde! Amah, komm! Amah ..., ich will ...! Ich habe doch keine ... Amah ...

 

© Cathrin Block


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