Grigori Brahms

von Cathrin Block

Sonntag

Der Kaffee duftet. Schräg fallen Sonnenstrahlen bis dorthin, wo der Stuhl des Mannes steht.

   Die Boxen verströmen Brahms, Kammerkonzert. Der Geiger spielt mit Hingabe, dass man sein rhythmisches Atmen hört. Sie liebt diese Schnaufer. Wenn sie die Augen schließt, kann sie glauben, dass der Geiger auf dem Stuhl gegenüber sitzt, auf dem Stuhl des Mannes, dort, wo die Sonnenstrahlen eine Lichtinsel schaffen. Stereo-Illusion. Die Frau lächelt.

   Der Mann verzieht keine Miene. Den Geiger scheint er nicht zu hören. Er raschelt mit der Sonntagszeitung.

   Die Frau steht immer eine halbe Stunde früher auf, damit er sie bekommt. Abwesend kaut der Mann auf dem Brötchen herum. Sie hat es ihm fertig auf den Teller gelegt. Sie weiß, dass er beim Frühstück Zeitung lesen muss, er hat es oft genug erklärt. Also richtet sie wie immer seine Brötchen, heute mit Schinken und einem Tupfer Remoulade, so wie er es mag.

   Draußen zwitschert ein Vogel Variationen zu Brahms. Die Frau wünscht, der Mann würde aufschauen und ihr Lächeln erwidern, aber sie will ihn nicht stören. Sie schickt nur die Wärme ihrer Augen zu seinem lichten Scheitel, der sich über dem Rand der Zeitung hin und herwendet. Sie weiß noch, wie sie damals mit den Fingern durch sein dichtes Haar gefahren ist. Heute sind nur noch ein dünnes Büschel über der Stirn und ein Kranz geblieben. Sie liebt diesen kahlen Kopf. Sie vergräbt tief in ihrem Innern den Wunsch nach einem Blick. Wen man liebt, den stört man nicht.

   Der Geiger verwandelt Brahms in melancholische Triller. Die Sonne schickt die ersten Strahlen um den Rand der Zeitung. Der Mann schaut auf. Sie lächelt.

   Er sieht an ihr vorbei. „Du könntest mal wieder die Fenster putzen", sagt er.

 

Ihre Augen brennen. Wahrscheinlich das helle Licht. Solange sie Vitamin-Kapseln nimmt, ist das Brennen schwächer, aber seit zwei Tagen hat sie keine mehr. Sie hat den Mann gebeten, ihr welche aus der Stadt mitzubringen, doch er hat es vergessen. Jetzt muss sie bis morgen warten. Sie schließt die Lider, um den Tränenfluss zurückzuhalten. Reiben will sie nicht, das würde es nur schlimmer machen.

   Der Geiger spielt ein Solo, das Cello schweigt. Bis in schwindelnde Höhen schraubt er die Töne. Das Rascheln der Zeitung verstummt. Sie lauscht der Musik, fühlt sich hinein in die Melancholie. Die Tränen versiegen.

   Ein Duft mischt sich unter den des Kaffees, gesellt sich zum Geruch von Schinken und Brötchen, ein herber Duft, wie Wind in Zypressen, wie Eukalyptuszweige im Sonnenlicht. Die Geige verstummt mitten im Spiel.

   Sie runzelt irritiert die Stirn und schlägt die Augen auf. Ein dunkler Blick ist auf sie gerichtet, warm, lächelnd. Die schrägen Sonnenstrahlen zaubern goldene Lichter in schwarzes Haar, das in einer kühnen Tolle in die Stirn fällt. Wimpern, dicht und lang, verschleiern halb die Wärme der Augen, erzählen von Schmerz und Glück, von Trauer und Heiterkeit.

   Zögernd lächelt sie zurück. Sie muss den Wechsel erst begreifen. Eben noch saß dort der Mann, hinter seiner Zeitung, mit lichter Stirn. Jetzt hat ihn der andere verdrängt, mit schwarzem Schnurrbart, der über die Oberlippe fällt, schwarzem Haar in ungebändigter Fülle, schwarzen Augen voll Lächeln und Melancholie. Er legt die Geige sorgsam in den Kasten. „Ich bin Grigori", sagt er.

   „Ich heiße Lena", erwidert sie automatisch.

   Grigori nickt. „Ich weiß, die schöne Helena."

   Sie widerspricht nicht. Ohne den Blick von ihm zu wenden streicht sie Käse auf ihr Brötchen und beißt ab. Mit einem Schluck Kaffee spült sie nach.

   Grigori reicht ihr die andere Tasse. „Das riecht wundervoll", sagt er mit seinem leichten russischen Akzent. „Fiedeln macht durstig. Gib mir auch einen Schluck."

   Sie fährt zusammen. „Was?"

   Grigoris Lächeln wird breiter. „Kaffee", sagt er, „ich möchte auch von diesem wundervollen Kaffee."

   Sie hat die Hand schon an der Kanne, als sie stockt. „Aber ..."

   „Pssst!" Grigori langt mit den schmalen Geigerfingern über den Tisch und legt sie auf ihren Mund. „Fragen sind nicht erlaubt. Gib mir einfach Kaffee. Und wenn du noch ein Brötchen übrig hättest ..." Sein Blick ist warm und lächelnd, bittend, strahlend und auch ein wenig melancholisch.

   Sie nimmt die Kanne und gießt Kaffee in die hingehaltene Tasse.

 

Montag

Grigori hat Brötchen geholt. Er ist extra im Morgengrauen aufgestanden. Als sie nach unten kommt, ist der Tisch gedeckt, eine Rose steht vor ihrem Teller und nirgends ist die Zeitung zu sehen.

 

Dienstag

Grigori kommt früh von den Proben. Sie hat noch nicht einmal Kartoffeln geschält. „Lass das", sagt er lächelnd, als sie erschrocken in die Küche laufen will. Dann bindet er sich die Schürze um. Es gibt Blini und Borschtsch und süßen russischen Kuchen. Es schmeckt herrlich.

 

Mittwoch

Grigori hält ihr zwei Karten unter die Nase, als er nachmittags von den Proben kommt, große, dicke Karten mit goldgeprägter Schrift. „Zauberflöte" liest sie und „Proszeniumsloge". Sie rennt, um ihr bestes Kleid anzuziehen.

 

Donnerstag

„Komm", sagt Grigori nach dem Frühstück. „Heute gibt es keine Proben. Lass uns nach schönen Dingen schauen." In der Stadt sind seine sensiblen Hände bald in dicken Tütenstapeln verschwunden, die rechts und links an seine Beine schlagen. Sie braucht nicht einen der Schätze zu schleppen, von denen sie seit Jahren träumt.

 

Freitag

Grigori weckt sie mit dem Duft von Kaffee. „Guten Morgen schöne Helena", sagt er, als sie die Augen aufschlägt. Geduldig wartet er, bis sie sich aufgerichtet hat und an der dampfenden Tasse nippt. Ganz langsam beginnen seine Finger, über ihre Ohren zu streicheln, wandern den Hals entlang, knöpfen das Hemd auf, schließen sich um ihre Knospen ...

   Sie stellt die Tasse ab, um keinen Kaffee zu verschütten.

 

Samstag

Es ist Mittag, als Grigori sie weckt. Noch immer spürt sie die sanfte Mattigkeit. „Komm", sagt Grigori. Er wandert mit ihr hinaus an den Fluss und findet einen Platz im hohen Gras. Die Vögel singen, die Grillen zirpen, die Bienen summen. Ein sachter Wind fächelt Blütenduft über sie dahin. Grigoris Hände streicheln ihre Arme, ihren Hals, ihre Schultern ...

   Sie spannt sich wie eine Geigenseite. Grigori erweckt sie zum rauschenden Crescendo.

 

Sonntag

Der Kaffee duftet. Schräg fallen Sonnenstrahlen bis dorthin, wo Grigoris Stuhl steht. Sein dunkler Blick ist auf sie gerichtet, warm, mit Augen voll Melancholie.

   Die Lautsprecher sind stumm. Sie braucht nicht Brahms' Stereo-Illusion, nicht die kleinen Schnaufer des Geigers. Grigori lächelt sie an.

   Sie lächelt zurück.

   „Lass uns den Brahms hören", sagt Grigori. Sein Geigenkasten liegt offen neben dem Stuhl.

   Ihre Augen beginnen zu brennen. Sie hat vergessen, die Vitamin-Kapseln zu kaufen.

   „Es muss sein", sagt Grigori. Nur noch Melancholie ist in seinem Blick.

   Gehorsam steht sie auf uns legt die CD ein.

   Brahms erklingt. Sie schließt die Augen, um den Tränenfluss zurückzuhalten. Draußen zwitschert ein Vogel die Variation. Der Geiger verwandelt die Musik in melancholische Triller. Die Sonntagszeitung raschelt. Die Sonne schickt die ersten Strahlen um ihren Rand. Der Mann schaut auf.

   „Du hast ja immer noch nicht die Fenster geputzt", sagt er.

 

© Cathrin Block




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